Die Europaklasse Niebüll-Tønder
1. Vorgeschichte
Obwohl die beiden Gymnasien in Tønder/Dänemark und Niebüll/Schleswig-Holstein nur etwa 22 Kilometer voneinander entfernt liegen, gibt es dennoch eine ganze Reihe von historisch, kulturell, sprachlich und mentalitätsmäßig bedingten Unterschieden sowohl zwischen den SchülerInnen als auch zwischen den LehrerInnen, die an den beiden Schulen arbeiten.
Bis zur Grenzziehung im Jahre 1920 fungierte die Schule in "Tondern" als deutsche Realschule. Als dann nach den Abstimmungsergebnissen im Februar 1920 die Grenze direkt südlich von Tønder gezogen wurde, musste das Schulwesen auf beiden Seiten dieser neuen Grenze neu strukturiert werden, was zur Umwidmung der Realschule in Tønder in ein Gymnasium (1920) und zur Neugründung eines Gymnasiums in Niebüll (1925) führte.
Seit der Gründung der beiden Schulen in den zwanziger Jahren gab es bis zum Jahre 1992 keinen gegenseitigen Kontakt. Mit dem Besuch einer kleinen dänischen "Delegation" in Niebüll im Oktober 1992 wurde das Eis gebrochen. Ein gemeinsamer LehrerInnenausflug nach Kolding, ein Volleyballturnier für SchülerInnen und LehrerInnen und einige gemeinsame Exkursionen, u.a. zur Pompeji-Ausstellung im Jahre 1994 in Hamburg, waren die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Zusammenarbeit, die immer enger wurde.
Vom August 1997 bis zum Juni 2001 arbeiteten das Gymnasium in Tønder und die Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll innerhalb eines gemeinsamen Projektes zusammen, das mit EU-Mitteln aus dem Interreg-II-Fond unterstützt wurde. Das Projekt "Europaklassen Tønder-Niebüll. Pädagogisch-fachliche Zusammenarbeit zwischen den Gymnasien in Tønder und Niebüll" hatte in erster Linie das Ziel, das menschliche Verständnis über die Grenzen hinweg zu fördern, indem die deutschen und dänischen SchülerInnen sich durch die gemeinsame Arbeit anderen Traditionen, Methoden und Gesichtspunkten öffnen bzw. sich selbst in "den anderen" entdecken sollten. Ein wesentliches Ziel bestand darin, die sprachliche Kompetenz der Schüler in der jeweiligen Partnersprache zu erhöhen.
Das Interreg-Projekt "Europaklassen" setzte sich aus insgesamt 16 Einzelprojekten zusammen. Während einige Projekte in allen vier Jahren durchgeführt wurden, z.B. im Fach Deutsch, dauerten andere Projekte zwischen wenigen Wochen und zwei bis drei Jahren.
Die fachlich und menschlich positiven Ergebnisse ermutigten die beiden Schulen, nach Beendigung der EU-Unterstützung die Zusammenarbeit fortzusetzen. Nicht zuletzt die Anschaffung des Computerkonferenzsystems "FirstClass" trug dazu bei, die beiden Schulen eng miteinander zu verbinden und die Kommunikationswege zu erleichtern.
2. Die Europaklasse Tønder-Niebüll
2.1. Die Interreg-Zusammenarbeit 1997-2001
Unser erstes Projekt hatte, obwohl es von allen Beteiligten - d.h. sowohl von SchülerInnen und Eltern als auch von LehrerInnen und Öffentlichkeit - sehr positiv aufgefasst wurde, seine Schwächen:
So zeigte sich, dass die Projektzusammenarbeit jeweils einer deutschen Lehrkraft und einer dänischen Lehrerkraft zwar im Regelfall als sehr fruchtbar angesehen wurde, jedoch aufgrund der Vielzahl von Treffen administrativ sehr aufwändig war. Während die dänische Seite dies noch - aufgrund der dänischen Tarifverträge - stundenmäßig abgelten konnte, gab es für die deutsche Seite nur die Befriedigung, "dabei gewesen" zu sein.
Ein weiterer Schwachpunkt der Zusammenarbeit war, dass sich die verschiedenen SchülerInnengruppen nicht sehr häufig und auch nicht sehr regelmäßig sahen. Häufig wurden die Vorarbeiten für eine gemeinsame Exkursion oder eine gemeinsame Unterrichtsreihe an den jeweiligen Schulen durchgeführt, so dass für den gegenseitigen Kontakt nicht sehr viele Stunden zur Verfügung standen.
Die Evaluationen der einzelnen Projekte ergab den eindeutigen Wunsch sowohl von Seiten der LehrerInnen als auch der SchülerInnen, dass die SchülerInnenKontakte untereinander - auch und vor allem im sozialen Bereich - deutlich erweitert werden müssten, wenn das Projekt weitergeführt werden sollte.
2.2. Vorarbeiten
Deshalb arbeiteten einige deutsche und dänische KollegInnen noch während der Laufzeit des ersten Interreg-Projektes daran, ein neues Projekt zu verwirklichen: Eine gemeinsame Klasse.
Vor allem das große gegenseitige Vertrauensverhältnis, das sich im Laufe des ersten Interreg-Projektes unter den KollegInnen gebildet hatte, war eine der Triebkräfte, die die Planung der gemeinsamen Klasse trotz einer Vielzahl von Schwierigkeiten immer wieder vorantrieb.
Im Oktober 2000 besuchten einige KollegInnen die Europaschule in Karlsruhe. Dieser Besuch gab viele Anregungen. Beispielsweise zeigte es sich, dass die Lehrpläne, die an den Europaschulen verwendet werden, brauchbar für das geplante Projekt waren und gleichzeitig eine hohe Hürde umgingen, nämlich die Frage, ob man den schleswig-holsteinischen oder den dänischen Lehrplänen folgen sollte. Wir einigten uns darauf, im Regelfall die Lehrpläne der Europaschulen und auch die dort angewandten Bewertungskriterien (eine 10er Skala) zu übernehmen. Auch die Fächer- und jeweilige Stundenverteilung sollte sich an den Europaschulen orientieren.
Im Gegensatz zu den Europaschulen wurde jedoch der Unterricht in der jeweiligen Partnersprache verbindlich festgelegt, so dass alle SchülerInnen obligatorischen Dänisch- und Deutschunterricht bis zum Abitur erhalten.
Außerdem wurden die Niebüller Erfahrungen mit bilingualem Unterricht in die Planungen eingebracht: Wir einigten uns darauf, zwei der obligatorischen Fächer, nämlich Biologie und Geographie/Erdkunde auf Englisch zu unterrichten.
2.3. Die Europaklasse im ersten Jahr
Im August 2003 war es dann soweit: Nachdem die beiden Schulen Anfang des Jahres 2003 die Zusage erhalten hatten, 50 Prozent der veranschlagten Kosten aus dem Interreg-III-Fonds der EU erstattet zu bekommen, und nachdem wir die SchülerInnen der kommenden Europaklasse entweder durch Losverfahren (in Niebüll) oder durch ein Auswahlgespräch (in Tønder) ermittelt hatten, trafen sich 14 dänische und 14 deutsche SchülerInnen zu ihrem ersten Arbeitstag in Tønder.
Am 3. September 2003 unterzeichneten die Bildungs- bzw. Unterrichtsministerinnen von Schleswig-Holstein, Ute Erdsiek-Rave, und von Dänemark, Ulla Tornæs, ein gegenseitiges Abkommen, das u.a. die Stundentafel, die Regelung der Notengebung, die Festlegung mündlicher und schriftlicher Examina sowie einen Hinweis auf die Hochschulzugangsberechtigung (sowohl in Deutschland als auch in Dänemark) nach erfolgreich abgelegtem Abitur/Studentereksamen enthielt. Das Abkommen hob auch hervor, dass sich die Curricula grundsätzlich an denen der Europaschulen orientieren. Ausnahmen sind zugelassen, müssen jedoch begründet werden.
Der Unterricht in der Europaklasse findet mit halbjährlichem Wechsel jeweils in Tønder und in Niebüll statt. Die LehrerInnen, die etwa zur Hälfte von den beiden Schulen kommen, fahren, wenn der Unterricht am Partnergymnasium stattfindet, für ein halbes Jahr ein oder zwei Mal pro Woche zur anderen Schule. Die SchülerInnen werden - ebenfalls in halbjährlichem Wechsel - von ihrer Schule in einem Bus zur jeweils anderen Schule transportiert. Dies hat zur Folge, dass der Unterricht später beginnt als es an beiden Schulen üblich ist, was zur Folge hat, dass die SchülerInnen nicht vollständig in das Leben der beiden Schulen integriert werden können, da sich die Pausen, wo sich ja ein großer Teil des sozialen Lebens abspielt, überschneiden.
Neben dem Transportproblem galt es auch das Problem der unterschiedlichen Ferien zu lösen. Während es in Schleswig-Holstein z.B. zweiwöchige Herbstferien und keine Winterferien gibt, haben SchülerInnen in Dänemark traditionell eine Woche Herbstferien und eine Woche Winterferien im Februar. Aber auch die anderen Ferientermine bereiten Schwierigkeiten.
Da an den dänischen Gymnasien schon seit einigen Jahren das System der "Jahresnorm" gilt, was bedeutet, dass SchülerInnen das Recht auf eine bestimmte Anzahl Jahresstunden in den jeweiligen Fächern haben, hatten wir eine Erfahrungsgrundlage, die wir auf die Europaklasse übertragen konnten. Hinzu kam, dass wir noch mit den Mitteln unseres ersten Interreg-Projektes ein Intranet-System ("FirstClass") angeschafft hatten, was es uns erlaubt, sowohl die Kommunikation unter den SchülerInnen als auch zwischen LehrerInnen und SchülerInnen unabhängig von Zeit und Raum zu gestalten.
In der Praxis bedeutet dies, dass die dänischen SchülerInnen z.B. in der einen Woche der schleswig-holsteinischen Herbstferien, die sich nicht mit den dänischen Herbstferien überschneidet, zum Teil regulären Unterricht haben (z.B. in den Fächern Deutsch oder Dänisch) oder an Projekten arbeiten, die stundenmäßig auf die Jahresstundenzahl angerechnet werden.
Alle SchülerInnen der Europaklasse sind mit einem Laptop ausgerüstet. Damit gestaltet sich die Arbeit in der Schule, aber auch zu Hause oder unterwegs, flexibler. Außerdem orientiert sich die Arbeit der SchülerInnen damit an einem Standard, der am Gymnasium in Tønder in den letzten Jahren fast üblich geworden ist.
Die Stundenverteilung auf die einzelnen Fächer sieht folgendermaßen aus:
Obligatorische Fächer
| Fach |
1.G.* |
2.G. |
3.G. |
Sprache |
Curriculum |
LehrerIn |
|
Muttersprache** |
4 |
4 |
4 |
dänisch/deutsch |
D + DK |
D + DK |
|
Deutsch/Dänisch**
als Fremdsprache |
4 |
4 |
4 |
dänisch/deutsch |
D + DK |
D + DK |
|
Englisch |
4 |
4 |
5 |
englisch |
Europaschulen |
D |
|
Mathematik |
5 |
5 |
0 |
dänisch/deutsch |
DK |
DK |
|
Physik/Chemie*** |
4 |
0 |
0 |
dänisch/deutsch |
DK |
DK |
|
Biologie |
3 |
3 |
0 |
englisch |
Europaschulen |
D |
|
Geographie |
4 |
4 |
0 |
englisch |
Europaschulen |
D |
|
Geschichte |
0 |
4 |
5 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
DK |
|
Sport |
2 |
2 |
2 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
D + DK |
|
Musik/Kunst**** |
3 |
3 |
0 |
dänisch/deutsch |
DK / Europasch. |
D + DK |
| Stundenzahl |
33 |
33 |
20 |
|
|
|
* 1. Gymnasialklasse. In Deutschland: 11. Klasse (etc.). ** National getrennter Unterricht. *** Ein gemeinsames Fach. **** In halbjährlichem Wechsel: Musik halbjährlich in Tønder, Kunst halbjährlich in Niebüll.
Wahlpflichtfach
| Obligator. Fach* |
1.G. |
2.G. |
3.G. |
Sprache |
Curriculum |
LehrerIn |
|
Religion/Ethik |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
DK |
D |
|
Philosophie |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
DK |
| Stundenzahl |
33 |
33 |
24 |
|
|
|
* Eines der beiden Fächer muss gewählt werden.
Wahlfächer
| Fach* |
1.G. |
2.G. |
3.G. |
Sprache |
Curriculum |
LehrerIn |
|
Mathematik |
0 |
0 |
5 |
dänisch/deutsch |
DK |
DK |
|
Physik |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
DK |
D |
|
Chemie |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
DK |
DK |
|
Musik |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
DK |
|
Kunst |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
D |
|
Informatik/Multi-medien |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Europaschulen |
D |
|
Regionale Betriebs-wirtschaft** |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Universität |
DK |
|
Regionale Kultur** |
0 |
0 |
4 |
dänisch/deutsch |
Universität |
D |
| Stundenzahl |
33 |
33 |
32/33 |
|
|
|
* 2 Wahlfächer müssen gewählt werden. ** In diesen beiden Wahlfächern werden die beteiligten Lehrer selbst ein Curriculum entwerfen, das sich an den Anforderungen der Universitäten orientiert (z.B. IIM - Institut für Internationales Management - in Flensburg).
2.4. Die Erfahrungen des ersten Jahres
Während die deutschen SchülerInnen im vergangenen Schuljahr die 10. Klasse in Niebüll besuchten, waren die dänischen SchülerInnen auf Grund des dänischen Gesamtschulsystems bis zur 9. bzw. 10. Klasse auf verschiedenen dänischen "Folkeskoler".
Da die beteiligten LehrerInnen die Unterschiede zwischen den beiden nationalen Schulsystemen kannten, wurde z.B. im Fach Mathematik von vornherein der dänische Lehrplan ausgewählt, um den dänischen SchülerInnen den Übergang von den Anforderungen der "Folkeskole" auf das Gymasium ohne größere Frustrationen zu ermöglichen. Andererseits gab es für die deutschen SchülerInnen eher Probleme mit der Durchführung von Gruppenarbeiten oder Projekten, da sie viel stärker als die dänischen SchülerInnen einen an der Einzelperson und auf den - notenmäßigen - Erfolg orientierten Unterricht gewohnt waren.
Nach einem knappen Jahr wage ich die Einschätzung, dass sich die SchülerInnen der Europaklasse trotz vieler unterschiedlicher sowohl fachlich als auch historisch, gesellschaftlich und sozial bedingter Voraussetzungen einander näher gekommen sind und ein fruchtbares Arbeitsmilieu geschaffen haben.
Die Nähe geht mittlerweile so weit, dass es möglich war, im Januar 2004 gemeinsam das Halbfinale der Handball-WM zwischen Dänemark und Deutschland im Fernsehen zu sehen und danach weiterhin gute Kameraden zu sein.
3. Die Zukunft
Mit Hilfe des Projektes "Europaklasse" soll ein tiefgehendes Verständnis für die kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen des jeweiligen Nachbarlandes erarbeitet werden, das hilft, Vorurteile zu vermeiden bzw. abzubauen und erfolgreich zusammen zu arbeiten.
Ein wesentliches Ziel ist es nach wie vor, die Sprachkompetenz der SchülerInnen in der jeweiligen Partnersprache zu erhöhen.
Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt, das im Jahre 2006 hoffentlich 28 deutsche und dänische SchülerInnen mit einem gemeinsamen Abitur in die Zukunft entlässt, sollte den beteiligten Schulen vor Beendigung des Projektes die Entscheidung ermöglichen, ob es sinnvoll und wünschenswert ist, ab 2006 eine Europaklasse in jedem neuen Jahrgang einzurichten. Die bisherigen Erfahrungen sind jedoch so positiv, dass die beteiligten Gremien, u.a. der Kreis Nordfriesland und Sønderjyllands Amt, darauf drängen, bereits im Schuljahr 2005/2006 eine neue Europaklasse einzurichten. Obwohl bis dahin noch einige - vor allem finanzielle - Fragen gelöst werden müssen, sind die beiden beteiligten Schulen optimistisch, ab 2005 die "Europaklasse" als eine ständige Einrichtung anbieten zu können.
Darüber hinaus soll ein grundlegendes Modell für die grenzübergreifende Kooperation im Bereich des sekundären Bildungssystems erarbeitet werden, welches auf weitere europäische Grenzregionen übertragbar ist.
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